

Interview mit:
Britta Goertz
Vocal Coach und Metal-Saengerin

Britta, du bist kurzfristig für Molle bei Heaven Shall Burn eingesprungen – eine riesige Verantwortung. Wie war das für dich mental, so plötzlich in diese Rolle zu schlüpfen? Was ging dir in den ersten Tagen durch den Kopf?
Ja, das war schon eine krasse Sache. Es blieb ehrlich gesagt wenig Zeit dafür, nachzudenken oder sich groß Gedanken zu machen. Ich war den ganzen Tag damit beschäftigt, Texte und Songs zu lernen. Das war auch ganz gut so, denn sonst wäre ich vor Aufregung wahrscheinlich geplatzt. Meine Gefühlslage bewegte sich irgendwo zwischen Aufregung, Vorfreude und hoher Konzentration.
Die Reaktionen der Fans waren überwältigend positiv – fast schon ein kleines Phänomen in der Metalszene. Hat dir diese Welle der Unterstützung emotional und mental Kraft gegeben? Was hat das mit dir gemacht?
Diese riesige Welle an positivem Zuspruch hat mich wirklich berührt. Ich habe mit so einer Reaktion überhaupt nicht gerechnet. Ich dachte eher so, gut, die Fans nehmen das hin und freuen sich, dass die Konzerte nicht ausfallen. Was dann aber für eine Flut an Nachrichten mit zum einen Genesungswünschen für Molle und fast schon euphorischen Zuspruch für mich kam, hat mich regelrecht umgehauen. Dass so viele Menschen in den Kommentarspalten im Internet (einer der gefährlichsten Orte überhaupt) zusammenkommen und gute Stimmung verbreiten, hab ich noch nicht erlebt. Bei all dem Weltschmerz und schrecklichen Nachrichten aus aller Welt jeden Tag, hat mich das mit sehr viel Wärme und Freude erfüllt. Auch das Wissen darum, dass man die Leute da draußen diesen schwierigen Job in so kurzer Zeit zu 100 % zutrauen, hat mir sehr viel Druck genommen. Ich bin einfach nur dankbar.
Mental Health ist gerade bei schnellen Veränderungen und hohen Erwartungen ein großes Thema. Wie gehst du persönlich mit Druck und Stress um – besonders in so herausfordernden Momenten wie diesem?
Ich bin da relativ resilient. Das war nicht immer so. Zwar war ich noch nie ein kopfloses Huhn, ich habe aber das Gefühl, mit zunehmendem Alter immer gelassener zu werden. Gerade in Phasen mit einem hohen Stressniveau versuche ich Ruhe zu bewahren, mich gesund zu ernähren und regelmäßig Sport zu machen oder mich zumindest an der frischen Luft zu bewegen. Der Herausforderung bei HSB bin mit stoischer Disziplin begegnet. Ich bin früh aufgestanden, habe 10 Stunden oder mehr am Stück für mich geübt und hatte gar keine Zeit, mir groß Gedanken zu machen.
Wenn du auf die nächsten Jahre schaust: Wo siehst du den größten Bedarf in Sachen Mental Health im Musikbereich? Was müsste sich ändern, damit Musikerinnen & Musiker besser geschützt und unterstützt werden?
Musik und Kultur im Allgemeinen muss ein höheren Stellenwert auch in der Wirtschaft haben. Gerade Musikschaffende werden in Deutschland oft im Hobbybereich gesehen und und nicht wirklich ernst genommen. Schau dir doch die Meral Szene einmal an. Alle haben Jobs, alle verbringen ihren Urlaub auf Autobahnen auf dem Weg zwischen Festivals und Konzerten. Es bleibt wenig Zeit für Erholung, wenn du es im Metal und in der Musik ernst meinst und alles daran setzt, groß genug zu werden, um zumindest kostendeckend zu arbeiten oder vielleicht sogar davon zu leben. Jeder liebt Musik, niemand möchte ohne Kultur sein und die Menschen, die kreativ tätig sind, brennen aus, weil der Tag einfach nicht lang genug ist, um sich um alles zu kümmern und dann auch noch eine Erholung zu finden. Das ist super schade.
Ansonsten sind wir glaube ich auf einem ganz guten Weg insgesamt. Offen über Mental Health zu sprechen scheint einfacher geworden zu sein und damit steigt natürlich auch das Verständnis, nicht Betroffener, wie zum Beispiel mir. Die ganze Thematik sollte einfach nicht Scham behaftet sein und ich denke, dass wir uns zumindest in die richtige Richtung bewegen.
Denkst du, Bands sollten – ähnlich wie Sportteams – professionell mental betreut werden? Also zum Beispiel durch Mental Coaches oder andere feste Anlaufstellen, die bei Tour-Stress, Burnout oder Krisen helfen?
Ich denke, dass ein Angebot immer gut ist, so dass Leute, die Unterstützung wünschen, leichten Zugang dazu haben. Das sollte aber keine Pflichtübung sein. Nicht jedes Band Problem braucht professionelle mentale Unterstützung. Anlaufstellen zu haben, auf die unkompliziert zurückgegriffen werden kann und die ausreichend verfügbar sind, ist eine gute Idee.
Was wünschst du dir von der Musikszene im Umgang mit psychischer Gesundheit?
Und wie nimmst du Initiativen wie Rocken Hilft wahr, die sich in der Szene für mentale Gesundheit einsetzen?
Ich wünsche mir von allen Menschen mehr Verständnis für Dinge, von denen sie selbst nicht betroffen sind. Ich kann Sätze, wie „ die sollen sich mal alle nicht so anstellen“ einfach nicht mehr hören. Etwas mehr Empathie würde einigen Menschen sicher nicht schaden, nicht nur in der Musikszene.
Ich finde euer Angebot toll! Ihr gebt mental Health, ein Gesicht, zeigt Präsenz und bringt so die ganze Thematik etwas mehr in den Vordergrund. Danke dafür, ihr macht das ganz toll!



